Jörn Birkholz: Der Ausbruch Lebensschicksale eingelagerter Helden

Belletristik
Das Wort „plötzlich“ leitet in der Literatur oft einen Ausbruch ein. Kluge Leser wissen das und blättern im Roman oft von plötzlich zu plötzlich, damit ihnen ja kein Ausbruch als Vulkan, Seuche oder Lebensplanung entgeht.


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Buchcover.

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Da freilich kommt das Wörtchen plötzlich zur Anwendung. Plötzlich meldet sich eine alte Liebschaft und bringt das beschauliche Leben noch einmal in Wallungen zum Ausbruch. Max verrottet im Büro in Bremen, er hat es nicht geschafft, die Stadt zu verlassen. (11)
Mittlerweile lebt er mit seiner Freundin zusammen, aber der Status ist amorph. Fix ist nur die gemeinsame Tochter Marie Celine, die vor allem mit dem schönen Namen punktet und deshalb ständig mit ihm angesprochen wird.
Während Max an historischen Dokumenten herumfummelt, um daraus das Schicksal einer vertriebenen Sudetendeutschen zu destillieren und in das moderne Polen zu implementieren, gerät sein eigenes Leben zu anekdotischen Kurzstorys, die weder als Dokument noch als Psychogramm der Erinnerung taugen. Die eine Geschichte beschäftigt sich mit dem Habitus auf diversen Schulen, in denen er sich als sogenannter „Notenknaller“ zu bewähren versucht. (12) Die zweite Geschichte spielt während des Studiums in Berlin, als Max eine sogenannte „Kreuzberger Nacht“ (23) über sich ergehen lässt. Und die dritte Geschichte artet in der Kleingartensiedlung Bremens beinahe zu einem erneuten Krieg zwischen Deutschen und Polen aus, als zu Weihnachten die Familien durch Alkohol explodieren und sich eine Art Clan-Krieg zwischen Max und seiner damaligen Freundin Iza entwickelt. Als jetzt Iza in den Erlebnisstillstand des Max abermals eindringt, gerät die Welt des Archivars kurz aus den Fugen. Es kommt zu einem Spaziergang an die Weser in das Gelände der Kleingartensiedlung, wo erst einmal eine starke Erektion einsetzt (50), mit der sich die Erinnerung an eine Zeit voller Aufbruchstimmung breit macht. Iza freilich hat grössere Sorgen, ihre Mutter will sich umbringen und zuvor noch einmal in die polnische Heimat. Max soll sie dabei begleiten, weil er so gut im Aufarbeiten polnischer Mythen und Nachkriegsgeschichten ist.
Zur gleichen Zeit eskalieren im Archiv die Ereignisse, als sich Max ausserstande sieht, anhand einer geretteten Brosche das Schicksal einer Vertriebenen für eine Ausstellung aufzubereiten. Der Direktor spricht daraufhin die Entlassung aus.
Jetzt kann Max in Ruhe nach Polen fahren, um den Suizid der Iza-Mutter zu begleiten. In der Wohnung des Grossvaters wird noch einmal der Geheimschrank begutachtet, in dem sich dieser vor der Gestapo versteckt hat. Das Gruseln ist nach Jahrzehnten noch authentisch, kann aber nicht für die Ausstellung genützt werden.
Gerade als die Erinnerungen sortiert ist und der Suizid vertagt werden kann, kommt die Iza-Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Manchmal wirkt Zeitgeschichte wie eine Inszenierung.
Bei Max zu Hause hat sich inzwischen das Verhältnis zu Annette und dem gemeinsamen Kind geklärt. Gerade als die zweite Schwangerschaft ansteht, erfährt sie von der polnischen Eskapade, worauf das psychische Reinemachen einsetzt. Die einen fahren in die Kindheit im Schwarzwald zurück, Max zieht zu seinen Eltern ins ehemalige Jugendzimmer.
Jörn Birkholz erzählt das Unmögliche, nämlich den Ausbruch aus einer archivarisch gesichteten Welt mit Gefühlen aus der Gegenwart. Dazu bedient er sich dreier Erzählschichten, die nahtlos in einander übergehen. Einmal ist es die Sprache des Dokuments, die zu Schauzwecken verlebendigt werden muss, dann ist es die subjektive Darstellung des Ich-Erzählers, und drittens ist es das Protokoll einer Aussensicht, wenn die Geschehnisse scheinbar ohne Zutun der Helden ihren Lauf nehmen.
Über dem ganzen Unterfangen des Ausbruchs hängt eine feine Ironie, die auf der Erkenntnis aufbaut, dass für kleine Helden schon kleine Ausbrüche genügen, um sie aus der Bahn zu werfen.
Jörn Birkholz: Der Ausbruch. Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2024. 192 Seiten. ca. 29.00 SFr., ISBN: 978-3-7920-0291-9.