Tadzio Müller: Zwischen Friedlicher Sabotage und Kollaps Heiter und ernst den Abgrund überleben
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Sachliteratur
Vor der Lektüre von Zwischen Friedlicher Sabotage und Kollaps möchte ich folgenden Hinweis geben: Müller ist ein anstrengender Mensch – und dies weiss vermutlich niemand so gut, wie Tadzio selber.
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Buchcover.
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Der Band ist eine Sammlung von Blogbeiträgen, mit welchen Tadzio Müller versucht, in aktuelle Debatten zu intervenieren und radikale Impulse zu setzen. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass die Klimabewegung nach mehreren Phasen ihrer Neuorientierung gescheitert ist. Zwar ist dieses Scheitern auch eminenter Bestandteil sozialer Bewegungen, die stets verschiedene Zyklen durchlaufen, sich neu formieren und mit der Zeit verändern müssen.
Dennoch ist das Erleben des Scheiterns bitter – insbesondere, wenn man sich wie Tadzio als Bewegungs-Manager versteht, der ja tatsächlich vom ersten Klima- und Antira-Camp in Hamburg 2008, über den Protest gegen den COP25 in Kopenhagen 2009, Castor Schottern 2010/11 bis zu Fridays for Future und eben neuerdings im „Team Kollaps“ für emanzipatorische Anliegen streitet. Wenn man bereit ist, die egomanischen Pirouetten distanziert zu betrachten, mit denen das bürgerliche Subjekt in seiner permanenten Kränkung, Suche nach Orientierung und Selbstwirksamkeit, um sich selbst kreist, lässt sich aus dem Buch einiges hinsichtlich der Dynamiken von sozialen Bewegungen lernen.
Vor allem wird anhand der subjektivistischen Perspektive des Autoren ersichtlich, dass politischer Aktivismus tatsächlich eminent voluntaristisch motiviert und durchgeführt wird. Eindeutig problematisch wird es, wenn es dabei – wie im vorliegenden Fall – zu einer Überidentifikation von Aktivist*innen mit den sozialen Bewegungen kommt, von denen sie Teil sind. Zugleich wird damit offensichtlich, dass jene eben vom Handeln vieler Einzelner getragen werden und andernfalls nicht existieren würden. Neben den interessanten Einblicken in den Selbstreflexionsprozess, wird im Buch anschaulich aufgezeigt, wie soziale Bewegungen vereinnahmt, verarscht und unterdrückt werden. Anders als Müller würde ich Der Letzten Generation nicht meine Solidarität aussprechen und ihre Strategie nicht als logische Konsequenz daraus werten, dass die vorherigen anderer Akteur*innen gescheitert seien. Form und Inhalt müssen hier schon zusammengehen: eine hierarchische Kaderorganisation mit vorgefertigen Programmen und Ausdrücken kann keine dauerhafte, tiefgehende Organisierung mit starken Beziehungen und einen Fokus auf die unmittelbare Umgebung ermöglichen.
Zu Letzterem Ansatz gelangt Müller allerdings, nachdem er sich in Stockholm etwas mental kurieren und den Kollaps akzeptieren konnte. Tadzio wirft mit Phrasen um sich, streut unnötigerweise englische Halbsätze ein, echauffiert sich, nimmt uns mit in seinen emotionalen Abgrund, aber auch zum Wiederfinden der eigenen Würde und Lebensfreude in beschissenen Zeiten.
Mit seiner Beschreibung des „Coming Out der Arschlochgesellschaft“ im Verlauf des Jahres 2023 hat er meines Erachtens einen ziemlich guten Punkt getroffen. Die Arschlöcher gab es verständlicherweise schon lange und überall. Neuartig ist aber, dass sich alle möglichen von ihnen nun öffentlich als solche bekennen und dies zelebrieren (ob bei der Arschlochparade auf Sylt, dem Anbringen von Fuck-you-Greta-Stickern, Vergewaltigungs- und Mordphantasien gegenüber grünen und linken Politiker*innen etc.pp.). Tadzio hat recht, dass sich diese Entwicklungen nicht einfach mit der Krise des Kapitalismus, dem Abbau des Sozialstaates, der Einschränkung von Demokratie usw. erklären lassen, sondern man sich dafür mit der Verdrängungsgesellschaft beschäftigen muss, in welcher wir leben.
Und zu weiten Teilen waren und sind auch Aktive in der Klimabewegung stark beim Verdrängen dabei. Beispielsweise wurde jahrelang darauf hingewiesen, dass Klimakonferenzen nie zu politischen Entscheidungen kommen bzw. jene nicht mit der entsprechenden politischen Macht ausgestattet werden, um effektiv „Klimaschutz“ (wie es damals hiess) und mittlerweile nur noch „Klimaanpassung“ zu ermöglichen. Und dennoch steckte hinter jedem Protest gegen Klimakonferenzen weltweit die Vorstellung, würde die soziale Bewegung auf der Strasse nur genug Druck erzeugen, müssten sich Politiker*innen und Unternehmen auf sie zu bewegen. – Dies taten sie auch.
Aber erstens nur verbal, zweitens, um daraus neues Innovationspotenzial zu schöpfen, drittens, um sich umso mehr der eigenen Arschlochmässigkeit in Abgrenzung zu den Gutmenschen zu versichern. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass Klimakonferenzen und dergleichen den Kollaps teilweise mit gefördert haben, indem mit ihnen die Illusion genährt wurde, dass die Thematik „ globale Klimaerwärmung“ schon irgendwie politisch bearbeitet würde.
Tadzios Schlussfolgerung, dass es nun darum gehen müsse, den Tatsachen ins Auge zu schauen, sich in Gemeinschaften zusammenzuschliessen und solidarisch zu preppen, haben einige Anarchist*innen schon vor ihm gezogen (z.B. die Bücher A Paradies built in Hell (2009), Desert (2011), Inhabit. Instructions for Autonomy (2018)). Sicherlich hat der Autor damit recht, dass diese Sichtweisen global viel verbreiteter sind, als man in Deutschland gemeinhin denkt. Dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Krisen bislang immer noch an die Grenzen Europas und in fiktive Zukünfte verlagert werden konnten.
Nun ist der Kipppunkt überschritten: Wenn es einerseits zu einer Faschisierung der Gesellschaftsform und zu bonapartistischen Regierungen kommt, braucht es andererseits solidarische Antworten, in einer autonomen Selbstorganisation. Schade, dass Müller in diesem Zusammenhang wenig auf die Klassengesellschaft eingeht und eine Vorschläge zur Vergesellschaftung des Eigentums macht. Mag sein, dass ihm dies ohnehin klar ist, wenn es um eine grundlegende Gesellschaftstransformation geht – ausgeschrieben werden müsste es aber dennoch, wenn man der „Klimantifa“ auf die Beine helfen möchte…
Tadzio Müller: Zwischen Friedlicher Sabotage und Kollaps. Mandelbaum verlag eG 2024. 316 Seiten. ca. SFr. 29.00. ISBN: 978-3-99136-512-9.