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Die USA unter Trump und Musk (Teil 2)

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Die USA unter Trump und Musk (Teil 2) Genus proximum et differentia specifica – Faschismus, rule of law und Rechtsstaat (Teil I)

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Politik

Achim Schill interviewt Detlef Georgia Schulze zu aktuellen Entwicklungen in der us-amerikanischen Rechts- und Innenpolitik.

Die USA unter Trump und Musk (Teil 2)
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Datum 13. Februar 2025
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KorrekturKorrektur
Achim: Du hast in den letzten zwei Wochen eine ganze Reihe von Artikeln zum Streit über das US-Staatsangehörigkeits-Recht geschrieben.1 Dies ist allerdings nicht der einzige politische Streit, und es sind auch nicht die einzigen Gerichtsverfahren zu Trumps Politik seit den Beginn dessen zweiter Amtszeit. Ich habe ausser Deinen Artikeln den Artikel von Tomasz Konicz im untergrundblättle von Montag (Die von Trump angedrohten Staatssäuberungen und Deportationen haben bereits begonnen) und einen von Annika Brockschmidt im Volksverpetzer (Staatsstreich in den USA & keiner kriegt es hier mit?) gelesen. – Hast du die auch gelesen? Und falls ja: Wie findest du sie?

dgs: Ja, ich habe sie neben meinen Recherchen und dem Schreiben zum Staatsangehörigkeits-Recht – sagen wir – eher überflogen als gelesen. Sie geben – auf der deskriptiven Ebene – schon einen ordentlichen Überblick über andere aktuelle Streitpunkte in den USA, die ich auch – nebenbei – mitbekommen habe. Von den Wertungen der beiden AutorInnen bin ich allerdings nur teilweise überzeugt

Achim: Dann lass uns mal konkrete Punkte besprechen…

dgs: Ja, wir können es versuchen.

Formen bürgerlicher Herrschaft

Achim: Konicz schreibt: „Es sind faschistoide Verwesungsprodukte des Neoliberalismus, die nun den neoliberal deformierten Rechtsstaat in den USA abwickeln.“ Was hältst du von der Faschisierungsthese?
dgs: In der vorliegenden Form wenig. Konicz definiert keinen der nötigen Begriffe und der in der Nähe befindlichen Begriffe: faschistisch, faschistoid, Faschisierung, rechtspopulistisch, nationalsozialistisch. Nicht einmal „Rechtsstaat“ definiert er. Marx schrieb im Kapital über die „Methode der ökonomistischen Apologetik“, zweierlei sei für diese charakteristisch:

„Erstens die Identificirung von Waarencirculation und unmittelbarem Produktenaustausch durch einfache Abstraktion von ihren Unterschieden. Zweitens der Versuch, die Widersprüche des kapitalistischen Produktionsprozesses wegzuleugnen, indem man die Verhältnisse seiner Produktionsagenten in die einfachen Beziehungen auflöst, die aus der Waarencirculation entspringen. Waarenproduktion und Waarencirculation sind aber Phänomene, die den verschiedensten Produktionsweisen angehören, wenn auch in verschiednem Umfang und Tragweite. Man weiss also noch nichts von der differentia specifica dieser Produktionsweisen und kann sie daher nicht beurtheilen, wenn man nur die ihnen gemeinschaftlichen, abstrakten Kategorien der Waarencirculation kennt. In keiner andern Wissenschaft ausser der politischen Oekonomie herrscht ähnliche Wichtigthuerei mit elementarischer Gemeinplätzlichkeit.“

Ohne Definitionen lässt sich nicht feststellen, ob die Wirklichkeit unter einen der Begriffe fällt. Und ohne Benennung der Unterschiede zwischen A und B, z.B. „faschistoid“ und „rechtsstaatlich“, lassen sich die Begriffe nicht klar definieren.

Achim: Hast Du denn deinerseits einen Faschismus-/Faschisierungs-Begriff und, falls ja, ist – in deiner Definition – einer der beiden Begriffe in Bezug auf das, was Trump und Musk gerade machen, zutreffend?

dgs: Ja, ich habe einen Faschismus-Begriff: einen mittel-engen und vorwiegend historischen.
  • Mittel-eng und vorwiegend historisch insofern, als ich zwar einen generischen Faschismus-Begriff habe, der die europäischen2 Faschismen an der Macht vor allem im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts umfasst, aber unter diesen die Besonderheiten des NS gegenüber den anderen Faschismen betont (die Shoah insbesondere und allgemein der Antisemitismus als zentrales Element der NS-Ideologie und -Praxis sowie die ökonomische Stärke Deutschlands im Vergleich mit Italien, Spanien und Portugal).
  • Die Militärdiktaturen vor allem der 1970er und 80er Jahre in peripheren Kapitalismen (Lateinamerika, Türkei, Südkorea, …) bezeichne ich dagegen nicht als faschistisch. Unterschied: Die politische Massenbasis der ersteren und die Form des Übergangs zur – im staatsrechtlichen (nicht: marxistischen3) Sinne – diktatorischen Machtausübung. (Die förmliche Machtübertragung auf Hitler und Mussolini erfolgte durch Funktionsträger der alten Staatsform, durch Hindenburg in Deutschland und durch den König in Italien.)
  • Ausgehend von diesen Unterscheidungsmerkmalen mag darüber gestritten werden, ob der spanische Franquismus und die portugiesische Salazar-Diktatur eher zu NS und italienischem Faschismus einerseits oder eher zu den Militärdiktaturen andererseits gehören. Für eine Antwort im ersteren Sinne spricht, dass die europäischen Länder zeitweilig mehr oder minder grossen Kolonialbesitz hatten – und die zweite Gruppe noch peripherer war als es der südeuropäische Kapitalismus bis weit in die Nachkriegszeit hin war. Gegen eine Antwort im ersten Sinne spricht, dass im II. Weltkrieg nur Deutschland und Italien (mit Japan) im Anti-KomIntern-Pakt verbündet waren, während Spanien und Portugal neutral blieben.
  • Die Bildung einer dritten Gruppe verdienen m.E. neuere autoritäre Präsidialregime mit mehr oder minder stark eingeschränktem politischen Pluralismus (Putin, Erdogan, ...)
Und Faschisierung ist der Übergang zu Faschismus an der Macht; mit „faschistoid“ kann ich dagegen wenig anfangen (das hört sich für mich an nach: ‚Ich möchte das in Rede stehende Phänomen als faschistisch bezeichnen, habe aber keine Argumente – also weiche ich auf faschistoid‹ aus').
Was nun Trump anbelangt, so mögen die Massenbasis und eine gewisse Tendenz zum Personenkult für die Zuordnung zu den Faschismen – aber zunächst als eventuelle Faschisierung – sprechen; die besondere Bedeutung der spanischen katholischen Kirche für den Franquismus und des christlichen (allerdings vor allem evangelikalen) Fundamentalismus für Trumps politischem Block, darüber hinaus für eine Nähe von Franquismus und Trumpismus. Gegen eine Zuordnung Trumps zu den historischen Faschismen spricht – neben dem schon angesprochenen Unterschied zwischen Faschismus an der Macht und Faschisierung –, dass zur Vorgeschichte des Unterschiedes zwischen faschistischen und nicht-faschistischen bürgerlichen Staaten im 20. Jahrhundert gehört, dass
  • das Vereinigte Königreich schon, als es noch nordamerikanische Kolonialmacht war, eine erfolgreiche bürgerliche Revolution hatte und das (wenn auch noch nicht nach allgemeinem und gleichem Wahlrecht gewählte) Unterhaus die Vormacht gegenüber der Krone erlangte,
  • die USA dann sogar eine Republik wurden,
  • während sich die bürgerliche Revolution das ganze 19. und frühe 20. Jahrhundert hindurch in „Deutschland“4, Italien und Spanien schwertaten,
und, dass
  • – ohne sich deshalb des geschichtsrevisionistischen Historikers Ernst Nolte Faschismus-Apologie zu eigen machen zu müssen – die historischen Faschismen an der Macht auch als Reaktion auf die Oktoberrevolution, die Räte-Bewegungen nach dem I. Weltkrieg und den Volksfront-Wahlsieg in Spanien zu erklären sind;
  • es an einer solchen antikapitalistischen ‚Systemkonkurrenz' aber heute fehlt – Trump und der sonstige Rechtspopulismus also nicht als Reaktion auf eine antikapitalistischen ‚Systemkonkurrenz' erklärt werden können.
Unter dem Strich tendiere ich im Moment eher noch zu einer Zuordnung Trumps zu der dritten Gruppe (autoritäres Präisidialregime, das den politischen Pluralismus vielleicht demnächst einschränkt) als zu den historischen Faschismen.

Von Dimitroffs Faschismus-Begriff mit seiner Fixierung aufs sog. Monopol- und Finanzkapital5 und seiner quantitativen („am meisten“) – statt qualitativen – Begriffsbestimmung6 sowie seiner Tendenz zu einer Stadientheorie7 halte ich nichts. (Dimitroffs Faschismus-Definition weist im übrigen erstaunliche Parallelen zu der der Frankfurter Schule auf:
In the first period, the Frankfurt School view of the roots of fascism contains two main themes with sources in Marxism and psychoanalysis respectively. On the economic level, fascism is explained as the replacement of competitive capitalism by monopoly capitalism and as the seizure of power by the monopoly capitalists in order to deal with the economic and political crisis of capitalism. In a vivid essay on 'The Struggle against Liberalism in the Totalitarian View of the State', Marcuse shows that fascist attacks on liberalism notwithstanding, these two ideologies and political systems represent two different stages of the same type of society, to which both of them belong: respectively, monopoly capitalism, and competitive capitalism. Marcuse first points out that the attacks on the bourgeoisie, i.e. on the profit motive, in fascist ideology are directed against the capitalists of competitive capitalism. The ‚merchant' (Händler) is reviled, while homage is paid to the ‚gifted economic leader' (Wirtschaftsführer). […].

[For] Horkheimer and Adorno's […] fascism is the self-destruction of the liberal Enlightenment. Fascism is not just the truth of liberalism in the sense that it nakedly reveals the real inequalities and oppression inherent in the apparently free exchange in the capitalist market. Fascism is the truth of the whole aim of the bourgeois Enlightenment from Bacon on to liberate man from the fetters of superstition. The main offender is not the market and the relations of production, but the natural sciences and their empiricist counterpart in epistemology. The whole meaning of science and logic is brought into question: […]. This treatment of fascism reveals very clearly the limits of historicism. An interpretation of fascism as the essence behind the phenomena, as the 'truth of' modern (capitalist) society, can never achieve the central aim of Marxist analysis, what Lenin called the 'concrete analysis of a concrete situation'. However deep its roots lay in the structure of monopoly capitalism, fascism was in fact a special type of monopoly8 capitalist State which arose in a specific historical conjuncture9. In failing to recognize this, the Frankfurt School in effect took up the positions adopted by the Comintern in the so-called Third Period, after the Sixth Conference of 1928: fascism was seen as an inevitable and culminating phase of capitalism.

[Göran Therborn, The Frankfurt School, in: New Left Review Iss. 63, Sept./Oct. 1970, 65 - 96 <80, 82, 84>; deutsche Übersetzung am Ende von Teil II des Interviews])

Right und Recht und folglich auch rule of law und Rechtsstaatlichkeit sind zweierlei

Achim: Und was stört Dich am Wort „Rechtsstaat“, das hattest du ja in deiner ersten Antwort auch angesprochen?

dgs: Dass es ein eigentümlich-deutsches Wort ist, das sich zwar in romanische Sprachen, aber nicht ins Englische übersetzen lässt. Zwar gibt es im Französischen einen État de Droit (der – im Gegensatz zum klassisch französischen, revolutionär-republikanischen État légal – deutsch beeinflusst ist), im Kastilischen (‚Spanischen') einen Estado de Derecho, aber im Englischen keinen ‚*10Right-State'. Einen ‚*Right-State' kann es im Englischen auch nicht geben, weil right im Englischen ausschliesslich der Singular von rights (also der individuellen Rechte) ist, aber nicht die Rechtsordnung; nicht der Kollektivsingular für ‚das Recht' (im Zweifelsfall: das moralisch angeblich höher stehende Recht über den Gesetzen) insgesamt.

Folglich ist auch sinnentstellend – wie es inzwischen aber leider üblich geworden ist – „Rechtsstaatlichkeit“ oder gar „Rechtsstaat“ mit rule of law und rule of law mit Rechtsstaat(lichkeit) zu übersetzen.
Wenn schon über „faschistoid“ und „Rechtsstaat“ gesprochen wird, dann müsste auch über Carl Schmitts Diktum, das der „Führer“ das Recht schütze11 (und dafür auch die Gesetze brechen dürfe), gesprochen werden. Für Carl Schmitt war der liberale, formale Satz „Keine Strafe ohne Gesetz“ Kennzeichen eines blossen „‚Rechtsstaat[s]'“ in Anführungszeichen, während der wahre Rechtsstaat ein Gerechtigkeitsstaat sei, in dem der Satz „nullum crimen sine poena“ (Kein Verbrechen [soll] ohne Strafe [bleiben]) gelte12, womit er ausser Acht liess, dass keinerlei Handlungen ‚von Natur aus' anhaftet, Straftaten zu sein, sondern dass Gesetze festlegen, welche Handlungen Straftaten sind.

Achim: Du hast gerade gesagt: „das moralisch angeblich höher stehende Recht über den Gesetzen“. Spielst Du damit auf den deutschen Idealismus als philosophische Strömung und Epoche an?

dgs: Lose – es sind zwei oder drei (kritische) Anspielungen:
  • Eine Anspielung auf Hegels „Wesen“ und Heideggers „Eigentliche“ und „Sein“ (im Unterschied zum bloss „Seienden“): In dem in „Deutschland“ herrschenden Rechtsverständnis ist „Recht“ nicht nur die Bezeichnung für ein einzelnes „Recht“ und auch nicht nur der Kollektivsingular für die Gesamtheit aller individuellen Rechte (das wäre noch einigermassen erträglich), sondern auch das ‚Wesen', das ‚Eigentliche' gegenüber den Gesetzen als blossen „Erscheinungen“ oder bloss „Seiendem“.
    Das finden auch manche Linke (insbesondere hegel-marxistische) attraktiv, weil es ermöglicht, die eigenen politischen Wünsche auf ‚das Recht' zu projizieren und den Prozess der Gesetzgebung bzw. der Revolution zu umgehen – freilich bloss in Gedanken (als Wunschdenken). Rechte, die zumindest über Teile der bestehenden Staatsapparate verfügen, haben allemal die besseren Karten ihr Wunsch-Recht auch durchzusetzen.
  • Zugleich handelt es sich um eine Idealisierung: Das ‚eigentliche', ‚wahre' etc. pp. Recht soll auch besseres Recht als das ‚un-eigentliche' Recht der Gesetze sein.
  • Und schliesslich handelt es sich um einen Idealismus (= Anti-Materialismus) im marxistischen Sinne. Es wird von der Gesetzgebung/Rechtssetzung als konstitutiven Akten und den dahinterstehenden Interessen, politisch-gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen und historischen Situationen abstrahiert und ein omnihistorisches Recht imaginiert.
Achim: Dann zu Carl Schmitt: Wenn Recht etwas anderes ist als die (geschriebenen) Gesetze, stellt sich natürlich die Frage, welche (moralische) Instanz kann das entscheiden. Ein Gläubiger kann sich auf „Gott“ berufen und der „Führer“ auf das (vermeintliche) Wohl der „Arier“. Aber dann gibt es ausserhalb des eigenen moralischen Kompasses keine Kontrolle über die Gesetzesumsetzung / Gesetzgebung. Im Grunde wäre dann ein Zustand der Willkür erreicht, die sich von der Tyrannei nicht mehr unterscheiden könnte? Siehst du das ähnlich?

dgs: Ja, Gesetzgebung ist – abgesehen von ihrer historisch-materialistischen Determiniertheit durch die ökonomischen und natürlichen (ökologischen, etc.) Bedingungen, politisch-gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse etc. – willkürlich – oder weniger pejorativ ausgedrückt: eine Wahl. Und das ist m.E. auch nicht das Problem; das Problem ist m.E., dass diese Wahl durch die Berufung auf ein ‚eigentliches', ‚wahres' Recht der Kritik entzogen und quasi-naturalisiert wird.
Als der Sozialdemokrat Gustav Radbruch – seines Erachtens als Lehre aus dem NS – schrieb:

„wo Gerechtigkeit nicht einmal erstrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei der Setzung positiven Rechts bewusst verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht etwa nur ‚unrichtiges' Recht, vielmehr entbehrt es überhaupt der Rechtsnatur“

(Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht, in: Süddeutsche Juristen-Zeitung 1946, 105 - 10813 [107 re. Sp. oben] = ders., Gesamtausgabe. Band 3, Müller: Heidelberg, 1990, 83 - 93 mit Editionsbericht auf S. 282 - 291),

produzierte er nur eine Leerformel14, der die Leerformeln der NS-Rechtstheorie verdoppelte; auch die NS-Rechtstheorie berief sich auf die Gerechtigkeit. So war es für Carl Schmitt, um ihn noch einmal zu strapazieren, eine „fremde Denkweise“ (a.a.O. [FN 12], 715 re. Sp. Mitte), wenn sich „[v]or die offenkundige substantielle Gerechtigkeit [...] eine Reihe von formalen Methoden, Grundsätzen, Normen und Einrichtungen [schiebt …], die aus dem Rechtsstaat einen blossen Gesetzesstaat machen“ (ebd., 714 li. Sp. oben). Und die NS-Rechtstheorie berief sich auch auf die Gleichheit – freilich die ‚materielle' (genauer: substantielle) Gleichheit nach Mass der Ungleichheit15; und nicht die ‚bloss formelle' Gleichheit – und so etwas ähnliches sagt uns auch heute das Bundesverfassungsgericht in seiner Willkür-Rechtsprechung zum allgemeinen Gleichheitssatz in Artikel 3 Absatz 1 Grundgesetz16.
Radbruch versuchte also die NS-Rechtstheorie nachträglich mit deren eigenen idealistischen Waffen zu schlagen.

Achim: Und wie lautet Deine – dem Anspruch nach: materialistische – Antwort auf das NS-Recht?

dgs: Dass es nicht nötig ist, sich auf das Natur- oder irgendein anderes überpositives „Recht“ zu berufen, um zur Einsicht zu gelangen, was es richtig gewesen wäre, die NS-Gesetze zu brechen:

„Die richtige Widerspiegelung [ Erkenntnis] der Rechtsnorm […] kann gerade Anlass zur radikalsten Kritik an der Rechtsnorm sein und kann den Boden bereiten für den Kampf um deren Aufhebung.“17

Und darüber hinaus gibt es Rechtsordnungen, innerhalb denen es aussichtslos ist, für die Änderung bestimmter Rechtsnormen zu kämpfen, und denen gegenüber daher in Gänze die radikale Negation geboten ist18. Genau diese radikale Negation gegenüber der ganzen Epoche deutscher Staatlichkeit von 1933 bis 1945 war aber von den Naturrechts-Helden (vielleicht auch ein paar -Heldinnen) der BRD-Nachkriegszeit nicht gewollt.

„Rückkehr des Rassismus – und der Klimaleugnung“ – waren sie denn jemals weg?

Achim: Kommen wir mal zurück zu den USA – Konicz schreibt, der Kampf gegen die ‚woken' DEI (Diversity, Equity and Inclusion)-Massnahmen fungiere als vielseitiges ideologisches Vehikel für die Rückkehr des Rassismus und der Klimaleugnung. Glaubst du, dass ideologische Mittel ausreichen, um Rassismus und Klimaleugnung gesamtgesellschaftlich zu etablieren?

dgs: Ich bin mir nicht sicher, ob Konicz den Satz so meint, wie Du ihn verstehst. Der schlichten Feststellung, dass das rechtspopulistische und rechtssozialdemokratische woke-bashing etwas Ideologisches hat, würde ich jedenfalls nicht widersprechen. Allerdings würde ich nicht sagen, dass Rassismus und Patriarchat jemals weg waren (und jetzt wiederkehren oder zur Wiederkehr gebracht werden sollen); und sie waren und sind nicht nur etwas Ideologisches, sondern auch etwas Materielles: rassistische und geschlechtshierarchische Arbeitsteilung und Lohndiskriminierung sowie Gewalt.

Achim: Und die Klimaleugnung? Ist die ökonomisch begründet in irgendwelchen Produktionstechnologien?

dgs: Das Ausdruck ist eh schief – es leugnet ja niemandE, dass es Klima gibt; was manche leugnen, ist, dass es menschen-/industrialisierungs-gemachten Klimawandel gibt. Und für diese Leugnung kommen ebenfalls ideologische Bornierungen und ökonomische Bedingungen zusammen: Wie immer gibt es weitsichtigere und kurzsichtigere Kapitalfraktion; das mag auch damit zu tun haben, in welchen Produktionsmitteln und Rohstoffen das Kapital der jeweiligen Kapitalfraktionen verkörpert ist. Auf Seiten der Lohnabhängigen spielt eine Rolle, ob Klimawandel-Bekämpfung vor allem als Konsum- oder Produktionsänderung praktiziert wird. Und wie immer ist Veränderung nicht nur und vor allem nicht für alle ein Vergnügen – also gibt es Widerstand.

Achim: Konicz stellt des weiteren folgende These auf: „Der kapitalistische Rechtsstaat steht praktisch auf der Kippe. Die durch den Staat und Justizapparat vermittelte, subjektlose Form kapitalistischer Herrschaft, wie sie FBI und CIA im In- und Ausland exekutierten, degeneriert so zur potenziellen Beute partikularer Interessen. Welcher Oligarch gewinnt mittels Milliardeneinsatz die nächsten ‚Wahlen', um seine Interessen vermittels FBI und CIA durchzudrücken? Diese Zukunft droht den USA, sollte sich Trump bei seinem Griff nach dem ‚Tiefen Staat' durchsetzen.“ Hältst du diese Analyse für richtig und auch auf Europa übertragbar?

dgs: Auch diese These krankt jedenfalls an der Verkennung des grundlegenden Unterschiedes zwischen
  • dem deutschen Rechtsstaat, der ein Produkt der deutschen bürgerlich-feudalen Kompromissbildung19 im 19. Jahrhundert (ohne erfolgreiche bürgerliche Revolution und ohne Parlamentarisierung der Regierungsbildung, wenn auch – aber blosser – Beteiligung der Parlamente an der Gesetzgebung) ist,
    und
  • der angelsächsischen rule of law und dem französischen État légal, die im Kontext früher revolutionärer Parlamentarisierung des politischen Systems zu verstehen sind.
Davon abgesehen, würde ich schon zustimmen, dass Trump und solche Figuren eine Repersonalisierung von Herrschaft anstreben.
Was die Übertragung auf Europa anbelangt, müsste m.E. zunächst einmal geklärt werden, ob es „Europa“ anders denn als Referenten (Gegenstand) eines geographischen Begriffs überhaupt gibt, und falls ja, ob „Deutschland“ dazu gehört oder ob die Europäische Union nicht eher ‚deutsch' als ‚nord-/westeuropäisch' ist.

Germanisieren sich die USA?

Achim: Würde das „deutsch“ bedeuten, dass die US-Erfahrungen auf die BRD schlechter oder besser übertragbar wären als auf das restliche geographische Europa? Denn wenn ich dich richtig verstehe, ist der deutsche Rechtsstaat dem Bonapartismus – also einer Situation, wo die Bourgeoisie die politische Macht abgibt, um ökonomisch die herrschende Klasse zu bleiben – wohl näher (artverwandter) als der angelsächsische rule of law. Habe ich dich da richtig verstanden?

dgs: Zu Deiner ersten Frage: Meine – vielleicht etwas provozierende – Hypothese, die freilich erst einmal untersucht werden müsste, ist, dass wir es – vielleicht schon beginnend mit Guantanamo20 – mit einer ‚Germanisierung der USA' zu tun haben: Vermeintliches (Präsidenten-)Recht wird über statute law gestellt; und das us-amerikanische Geburtsorts-Staatsangehörigkeits-Recht soll dem in der BRD weiterhin vorherrschende (freilich seit der rot-grünen Zeit einfach-gesetzlich21 um etwas Geburtsorts-Staatsangehörigkeit ergänzte) Abstammungs-Staatsangehörigkeits-Recht22 angenähert werden.
Und zu Deiner zweiten Frage: Ja, so in etwa: Wenn wir meine Position etwas karikieren wollen:
  • Die rule of law – das ist der ‚schöne', nicht (oder nur mässig) bonapartistische23 bürgerliche Staat: Es wird auf formell freie und gleiche, kontradiktorische Verfahren, civil rights & liberties (statt „Grundwerte“, die Inlandsgeheimdienste [„Verfassungsschutz“] und Bundesverfassungsgericht verwalten) und eine starke Stellung des Parlaments (im Zweifel im Bündnis mit den Gerichten gegen die Exekutive24) vertraut.
  • Und der Rechtsstaat mag als Variante ‚unschöner', bonapartistischer bürgerlicher Staatlichkeit klassifiziert werden: Die Bourgeoisie eroberte sich ökonomische Freiheiten (zweifelsohne ist auch in „Deutschland“ schon lange die kapitalistische und nicht mehr feudale Produktionsweise die herrschende), aber die Bourgeoisie traute sich nicht oder war nicht stark genug, durch das Parlament und parlamentarische Regierungen zu herrschen, sondern überliess die Regierungsbildung weiterhin den Monarchen (ich weiss nicht, ob es Monarchinnen im 19. Jahrhundert in „Deutschland“ gab) – und mit zunehmender Demokratisierung des Wahlrechts25 wurde eher den Gerichten als dem Parlament vertraut: Kaiser Wilhelm – Hindenburg und – nachdem sich das Experiment mit dem „Führer“ nicht bewährt hat – nun: Bundesverfassungsgericht.
  • Was nun Trump und Musk anbelangt: Das ist ja nun aber gerade nicht die Abgabe der politischen Macht der Bourgeoisie an eine andere Klasse, sondern die höchstpersönliche Ausübung der politischen Macht durch einen Gross- und einen Megakapitalisten. Insofern scheint mir der Begriff „Bonapartismus“ in seiner klassischen Verwendungsweise durch Marx, Trotzki und Thalheimer nicht so richtig auf Trump und Musk zu passen.
Achim: Aber wenn Trump und Rechtsstaat beides Varianten (vielleicht nicht von Bonapartismus, aber) von Entfernung vom demokratisch-parlamentarischen Ideal sind und der Rechtsstaat deines Erachtens von einer starken Stellung der Gerichte geprägt ist, wie erklärt sich dann, dass Trump mit der US-Justiz über Kreuz liegt?

dgs: Trump ist wenn, dann schon nicht die ‚Bonapartismus'-Variante „Bundesverfassungsgericht“, sondern die ‚Bonapartismus'-Variante „Hindenburg“.

Ausserdem ist meine These, die deutsche Geschichte sei – verglichen mit der nord-/westeuropäischen und nordamerikanischen Geschichte – von einem besonderen Misstrauen gegenüber dem Parlament gekennzeichnet – und dieses Misstrauen war zunächst in Form von Monarch(inn?)en, dann in Form des Reichspräsidenten und ist nun in Form des Bundesverfassungsgerichts institutionalisiert – und der NS war unter dem Gesichtspunkt des Anti-Parlamentarismus eine weitere Variante des Invarianten (der NS-Reichstag hat kaum Gesetze verabschiedet und sowohl die NS-Reichstags- und Regierungsgesetze als auch die überkommenen Weimarer Gesetze wurden flexibel gehandhabt und konnten jederzeit durch „Führerbefehl“ durchbrochen werden; siehe die Nachweise auf S. 60 meines in FN 25 genannten Textes) – auch wenn der NS unter dem Gesichtspunkt der Shoah singulär war.

Achim Schill

Fussnoten:

1 Z.B.: https://blogs.taz.de/theorie-praxis/files/2025/01/Neuigkeiten_US-Staatsanghoerigkeit.pdf und https://theoriealspraxis.substack.com/p/trumps-staatsangehorigkeits-verordnung sowie https://theoriealspraxis.substack.com/p/richter-gegen-sippenhaft.

2 Über Japan in der fraglichen Zeit weiss ich zu wenig, als dass ich mir ein Urteil erlauben könnte.

3 Im Rahmen der marxistischen Terminologie ist bekanntlich jede Klassenherrschaft / jeder Staat Diktatur (Diktatur des Proletariats [auch dann, wenn es demokratischer Rätesozialismus ist]; Diktatur der Bourgeoisie [auch wenn es eine mustergültige parlamentarische Republik mit allgemeinem, freien, gleichen und geheimen Wahlrecht sowie politischen Freiheits- und Gleichheitsrechten ist]), unabhängig davon, ob er im staatsrechtlichen Sinne demokratisch, pluralistisch o.ä. oder diktatorisch ist.

Der marxistische Diktatur-Begriff fokusiert nicht auf den Staat, sondern auch ein gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis.

4 Ich setze „Deutschland“ in Anführungszeichen, weil es vor der Reichsgründung 1871 keine staatlich-territoriale Einheit dessen gab, was lax „Deutschland“ genannt wird, und weil es – im Gegensatz zur Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfGE 36, 1 - 37 [16, Tz. 19]; Urteil von 1973 zum Grundlagenvertrag mit der DDR: „Die Bundesrepublik Deutschland ist also nicht ‚Rechtsnachfolger' des Deutschen Reiches, sondern als Staat identisch mit dem Staat ‚Deutsches Reich', – in bezug auf seine räumliche Ausdehnung allerdings ‚teilidentisch'“) – auch fragwürdig ist, eine (Teil)Identität von Deutschem Reich bis 1945 und Bundesrepublik Deutschland ab 1949 zu behaupten. Die Gegenthese lautet: Das Deutsche Reich war am 08./09. Mai 1945 mit seiner bedingungslosen Kapitulation untergegangen – und die BRD und die DDR waren einige Jahre später die Gründung neuer Staaten. (Die letztere These war freilich mit den grenz-revisionistischen Ansprüchen der BRD in Richtung Osten unvereinbar.)

5 Für den NS dürfte vielmehr gerade die in der Inflationszeit nach dem ersten Weltkrieg und in der Weltkrise deklassierte Kleinbourgeoisie wichtig gewesen sein; für den Franquismus keine bestimmte Kapitalfraktion, sondern eine bestimmte ideologische Strömung: der Nationalkatholizismus.

6 „Der Faschismus an der Macht, Genossen, ist, wie ihn das 13. Plenum des EKKI [Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale] richtig charakterisiert hat, die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“ (Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus [1935])

„Der herrschende Faschismus, Genossen, ist, wie ihn das 13. Plenum des EKKI richtig charakterisiert hat, eine unverhüllte terroristische Diktatur der extrem reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“ (Der Vormarsch des Faschismus… Bericht auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale am 2. August 1935 in: Georgi Dimitroff, Ausgewählte Werke. Band I, Fremdsprachen Verlag: Sofia, 1967, 605 - 690 [606]; Hv. hinzugefügt)

7 „Uns muss vollkommen klar sein, dass der Faschismus keine lokale, keine vorübergehende, keine Übergangserscheinung ist. Er stellt ein System der Klassenherrschaft der kapitalistischen Bourgeoisie und ihrer Diktatur in der Epoche des Imperialismus und der sozialen Revolution dar.“ (Über Massnahmen zum Kampf gegen den Faschismus und die gelben Gewerkschaften. Diskussionsbeitrag auf dem IV. Kongress der Roten Gewerkschaftsinternationale, in: Dimitroff, Ausgewählte Werke, a.a.O. [FN 6], 452 - 462 [452]; Hv. i.O.)

Trotz der Änderung des politischen Kurses der KomIntern von 1928 bis 1935 (von der Sozialfaschismus-These zur Volksfront) – und des späteren (m.E. richtigen) militärischen Bündnisses der SU mit den Westalliierten gegen Nazi-Deutschland – blieb Dimitroff auch 1935 (siehe FN 6) dabei, den Faschismus in die Nähe des Imperialismus im allgemeinen zu rücken (und damit – auf der Grundlage von Lenins Imperialismus-Definition bei einer Stadien-Theorie [Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus <LW 22, 189 ff.>]). Statt zwischen faschistischen und nicht-faschistischen imperialistischen Staaten zu differenzieren, wurde das Bündnis u.a. mit dem „städtischen Kleinbürgertum“ (Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus [1935]) gesucht.

8 Auch wenn Therborn hier den „Monopol“-Begriff übernimmt, bin ich im übrigen mit dem Zitat einverstanden.

9 Hv. hinzugefügt.

10 Das Sternchen kennzeichnet sprachwissenschaftlich nicht-existierende, bloss hypothetische oder bloss erschlossene (geschlussfolgerte) sprachliche Formen (im letzter Falle: nicht schriftlich überlieferter Sprachstufen).

11 Der Führer schützt das Recht. Zur Reichstagsrede Adolf Hitlers vom 31. Juli 1934, in: Deutsche Juristen-Zeitung 1934, Sp. 945 - 950. (Die Rede hielt Hitler aus Anlass der von ihm befohlenen Ermordung seines Konkurrenen, SA-Chef Röhm.)

12 Carl Schmitt, Nationalsozialismus und Rechtsstaat, in: Juristische Wochenschrift 1934, 713 - 718 (714 li. Sp. oben).

13 Siehe auch: https://www.jstor.org/stable/20800812.

14 „Was ist ‚gerechte' Vertheilung? Behaupten die Bourgeois nicht, dass die heutige Vertheilung ‚gerecht' ist? Und ist sie in der That nicht die einzige ‚gerechte' Vertheilung auf Grundlage der heutigen Productionsweise? Werden die ökonomischen Verhältnisse durch Rechtsbegriffe geregelt oder entspringen nicht umgekehrt die Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen? Haben nicht auch die socialistischen Sektirer die verschiedensten Vorstellungen über ‚gerechte' Vertheilung?“ (MEGA I/25, 3 - 25 [12, Zeile 9 - 15]; vgl. MEW 19, 11 - 31 [18])

15 „Was den allgemeinen Gleichheitssatz angeht, wurde es schon bei seiner frühen ersten ausführlicheren Erörterung durch das BVerfG nicht einmal mehr der Erwähnung für wert erachtet, dass die Judikatur von Weimar bis zu ihrem Ende fast gar nicht, und die Literatur von Weimar nur in Teilen an der den ökonomischen Status quo zementierenden Umstülpung der normgetreuen Auslegung beteiligt war. Schon hiermit wird deutlich, wie unbewältigt die NS-Einübung der ‚Ungleichbehandlung des Ungleichen nach dem Mass der Ungleichheit' geblieben ist, die sich ungeachtet des mit seinen Millionen von Menschenopfern in die Augen springenden Kults des ‚Herrenmenschen' den Sehwerkzeugen der heutigen Jurisprudenz als ein Exzess von ‚Gleichmacherei' darstellt.“ (Helmut Ridder, Vom Wendekreis der Grundrechte, in: Leviathan 1977, 467 - 521 [510]; Hv. hinzugefügt)

16 Diese Norm lautet: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ (meine Hv.) Die Norm statuiert also in Wirklichkeit (ausschliesslich) Rechtsanwendungsgleichheit: Immer dann, wenn die Tatbestandsvoraussetzungen des Gesetzes vorliegen, hat die vom Gesetz angeordnet Rechtsfolge einzutreten – und Exekutive und Gerichte dürfen nicht nach eigenem Gusto differenzieren.

Das Bundesverfassungsgericht verkauft uns – anknüpfend an die konservativ-antiliberale Staatsrechtslehre in der Endphase der Weimarer Republik – als ‚Fortschritt der Gerechtigkeit' auch die Gesetzgebungsorgane an den allgemeinen Gleichheitssatz zu binden (‚Gleichheit im Gesetz'). Aber Gesetzgebung ist zwangsläufig Differenzierung: für unterschiedliche Sachverhalte werden unterschiedliche Rechtsfolgen angeordnet.

Deshalb muss das BVerfG Artikel 3 Absatz 1 Grundgesetz noch weiter verbiegen aus: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ wird – sinngemäss – ‚Gesetze dürfen nicht willkürlich sein; nicht willkürlich differenzieren.' In den eigenen Worten der ständigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts von Band 1 bis 164 dessen Entscheidungen:
„Der Gleichheitssatz (Art. 3 Abs. 1 GG) bindet auch den Gesetzgeber. Er verbietet, dass wesentlich Gleiches ungleich, nicht dagegen, dass wesentlich Ungleiches entsprechend der bestehenden Ungleichheit ungleich behandelt wird. Der Gleichheitssatz ist verletzt, wenn sich ein vernünftiger, sich aus der Natur der Sache ergebender oder sonstwie sachlich einleuchtender Grund für die gesetzliche Differenzierung oder Gleichbehandlung nicht finden lässt, kurzum, wenn die Bestimmung als willkürlich bezeichnet werden muss.“ (BVerfGE 1, 14 - 66 [16 f., Leitsatz 18; s.a. 52, Textziffer 136])
„Der Gesetzgeber ist an den allgemeinen Gleichheitssatz in dem Sinne gebunden, dass er weder wesentlich Gleiches willkürlich ungleich noch wesentlich Ungleiches willkürlich gleich behandeln darf (BVerfGE 1, 52; 1, 247).“ (BVerfGE 4, 144 - 156 [155; https://www.fallrecht.ch/bv004144.html#155, Textziffer 37)
Zu BVerfGE 1, 208 - 261 [247] siehe: https://www.fallrecht.ch/bv001208.html#247, Tz. 123.
„Art. 3 Abs. 1 GG gebietet dem Gesetzgeber, unter steter Orientierung am Gleichheitsgedanken wesentlich Gleiches gleich und wesentlich Ungleiches ungleich zu behandeln (vgl. BVerfGE 98, 365 <385>).“ (BVerfG, Beschluss vom 23.05.2006 zum Aktenzeichen 1 BvR 1484/99, Textziffer 23)
„Der allgemeine Gleichheitssatz (Art. 3 Abs. 1 GG) gebietet dem Gesetzgeber, wesentlich Gleiches gleich und wesentlich Ungleiches ungleich zu behandeln (stRspr; vgl. BVerfGE 116, 164 <180>; 122, 210 <230>; 125, 1 <17>; 126, 268 <277>; 133, 377 <407 Rn. 73>; 145, 106 <141 Rn. 98>).“ (BVerfGE 164, 347 - 426 [393] = Beschluss vom 07.12.2022 zum Aktenzeichen 2 BvR 988/16, Textziffer 129)
Das hat Rückwirkungen auf die Rechtsanwendungs-Gleichheit: Die Gerichte (und die Exekutive) haben nun nicht mehr immer dann, wenn die Tatbestandsvoraussetzungen des Gesetzes vorliegen, die vom Gesetz angeordnet Rechtsfolge eintreten zu lassen, sondern auch für die Gerichte gilt nach bundesverfassungsgerichtlicher Überwindung des ‚liberalen Formalismus': „Der allgemeine Gleichheitssatz des Art. 3 Abs. 1 GG gebietet, […] wesentlich Gleiches gleich und wesentlich Ungleiches ungleich zu behandeln.“ (BVerfG, Beschluss vom 11.12.2019 zum Aktenzeichen 1 BvR 3087/14, Textziffer 9 – dort aus Anlass einer Verfassungsbeschwerde gegen Gerichtsentscheidungen)

Dass die vorgenannten Entscheidungen in diesem oder jenem Fall zu einem zutreffenden Ergebnis gelangt sein mögen, ändert nichts daran, dass sie auf einem falschen Massstab / einer unzutreffenden Begründung / einer Verdrehung des tatsächlichen Inhalts von Artikel 3 Absatz 1 Grundgesetz beruhen.

Schliesslich geraten auch noch die besonderen Gleichheitssätze des Artikel 3 Absatz 2 Satz 1 und Absatz 2 Grundgesetz (die tatsächlich auch an die Gesetzgebungsorgane adressiert sind, weil dort nicht von „vor dem Gesetz“ die Rede ist, sondern allgemein von „gleichberechtigt“ sowie von „benachteilig[en]“ und „bevorzug[en]“) in den Bannkreis der Ungleichbehandlung des „wesentlich Ungleiche[n]“. –

Der gleichermassen demokratische wie liberale Sinn des Unterschiedes zwischen dem allgemeinen Gleichheitssatz und den besonderen Gleichheitssätzen ist, dass bestimmte Unterscheidungskriterien (Geschlecht, Abstammung, „Rasse“, Sprache, Heimat und Herkunft, Glauben, religiösen oder politischen Anschauungen) allen Staatsorganen verboten werden, den direkt demokratisch legitimierten Gesetzgebungsorganen im übrigen aber – für demokratische Gesellschaftsgestaltung zwangsläufig erforderliche – Differenzierungen zu erlauben sowie Exekutive und Judikative zu verbieten, diese demokratischen Entscheidungen durch eigene Vorstellungen davon, was „sachlich einleuchtend“ (BVerfG) ist, zu unterlaufen. Denn liberale Demokratie heisst, die Existenz gesellschaftlicher Widersprüche und widersprüchlicher Interesse anzuerkennen und nicht zu suggerieren, politisch ‚richtige' Entscheidungen liessen sich aus der „Natur der Sache“ (BVerfG) deduzieren und politische Entscheidungen seien bei PhilosophInnen- und RichterInnen-KöngInnen besser aufgehoben als Abgeordneten. (Dass politische Entscheidungen nach marxistischer Auffassung bei Räte-Mitgliedern noch besser aufgehoben wäre als bei Parlaments-Abgeordneten, ist wahr – aber steht auf einem anderen Blatt als die Frage nach dem Unterschied zwischen demokratischen rule of law-System und demokratie-skeptischen Rechtsstaaten.)

17 Peter Römer, Kleine Bitte um ein wenig Positivismus. Thesen zur neueren Methodendiskussion, in: ders. (Hg.), Der Kampf um das Grundgesetz. Über die politische Bedeutung der Verfassungsinterpretation. Referate und Diskussionen eines Kolloquiums aus Anlass des 70. Geburtstags von Wolfgang Abendroth, Syndikat: Frankfurt am Main, 1977, 98 - 132 (89).

Vgl. dazu auch: „Man hat sehr lange, und insbesondere in Deutschland, so getan, als liesse sich die Philosophie Michel Foucaults auf folgendes reduzieren: auf eine angeblich ‚irrationale' und biographisch motivierte Parteinahme für die Randgruppen und Minoritäten dieser Welt, bestenfalls ein antihumanistisch deformierter Marcuse, schlechtestenfalls eine blosse Spielart des voluntaristischen Anarchismus. Man wird selbst heute nicht müde, dies zu wiederholen. Und natürlich hat diese Einschätzung etwas mit dem Umstand zu tun, dass die Deutschen sich nicht vorstellen können, dass der Widerstand gegen die modernen Mächte, die Parteinahme für Minoritäten und selbst die Revolte möglich seien, ohne dass zuvor deren ‚Prinzipien' und ‚normative Grundlagen' von den diversen ‚universellen Intellektuellen' (Literaten, Philosophen, Pädagogikprofessoren [JuristInnen wären noch hinzufügen, dgs]) geklärt worden sind.“ (Richard Schwarz, Vorwort, in: ders. [Hg.], Zur Genealogie der Regulation. Anschlüsse an Michel Foucault, Decaton: Mainz, 1994, 7 - 12 [11])

18 vgl. Römer, a.a.O. (FN 17), 90.

19 Der Rechtsstaat entstand nicht als „politische Form des sich selbst regierenden Volkes, er war nicht die rechtliche Erscheinungsform der Demokratie, sondern die rechtliche Form eines überwiegend von den Interessen der Monarchie und der sie tragenden Schichten bestimmten Kompromisses – er war die rechtliche Form der konstitutionellen Monarchie. Dieses Spezifikum der deutschen Version des Rechtsstaats hat Franz Leopold Neumann eindrucksvoll beschrieben.“ (Ulrich K. Preuss, Legalität und Pluralismus. Beiträge zum Verfassungsrecht der Bundesrepublik Deutschland, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1973, 11).

20 Siehe dazu meinen Besprechungs-Aufsatz: Gefährdetes Leben – Gefährliches Recht. Vom Nutzen und Schaden poststrukturalistischer Rechts- und Politikanalysen, in: Neue Politische Literatur 2006, 203 - 213; https://doi.org/10.3726/91470_203.

21 § 4 Absatz 3 Satz 1 Staatsangehörigkeitsgesetz: „Durch die Geburt im Inland erwirbt ein Kind ausländischer Eltern die deutsche Staatsangehörigkeit, wenn ein Elternteil

1. seit fünf Jahren rechtmässig seinen gewöhnlichen Aufenthalt im Inland hat und

2. ein unbefristetes Aufenthaltsrecht oder als Staatsangehöriger der Schweiz oder dessen Familienangehöriger eine Aufenthaltserlaubnis auf Grund des Abkommens vom 21. Juni 1999 zwischen der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten einerseits und der Schweizerischen Eidgenossenschaft andererseits über die Freizügigkeit (BGBl. 2001 II S. 810) besitzt.“ (https://www.gesetze-im-internet.de/stag/__4.html)

22 Artikel 116 Absatz 1 Grundgesetz: „Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.“ (https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_116.html)

23 Die Monarchien sind Integrationsinstanz im Vereinigten Königreich, den BeNeLux-Ländern sowie Dänemark, Norwegen und Schweden; im Vereinigten Königreich ist zusätzlich das Oberhaus; in den USA sind die starke Stellung des Präsidenten (und Senats) und das verzerrende Wahlrecht insbesondere für den Senat und das Wahlleutegremium, das die PräsidentInnen und Vize-PräsidentInnen wählt, ‚bonapartische' Elemente, die sich vom demokratischen Ideal von Freiheit und Gleichheit entfernen.

24 „Der Suprematie des Parlaments war [schon im klassischen Verfassungszeitalter Englands] nicht eine widersprüchliche Suprematie der Justiz gegenübergestellt, sondern eine der Rechtsbewahrung dienende Richterherrschaft zugesellt.“ Und mit der „Einführung von Kabinettsystem und rein parlamentarischer Demokratie“ kam es zu einem „entschiedene[n] Übergewicht der volkssouveränen Gewalten“. Im „Wohlfahrtsstaat beruft sich nunmehr der parlamentarische Gesetzgeber, der bislang in der Hauptsache nur zur Kodifizierung vorhandenen Richterrechts oder zur Ausmerzung toten Geästs im Common Law ansetzte, jetzt aber das Wohlfahrtsverwaltungsrecht neu zu schaffen hat, mit aller Schärfe auf die vor Jahrhunderten in der politischen Bündnisklausel den Gerichten gegenüber gesicherte Suprematie.“ [Helmut Ridder, Empfiehlt es sich, die vollständige Selbstverwaltung aller Gerichte im Rahmen des Grundgesetzes gesetzlich einzuführen?, in: Ständige Deputation des Deutschen Juristentages (Hg.), Verhandlungen des 40. Deutschen Juristentages. Hamburg 1953. Band I (Gutachten), Mohr: Tübingen, 1953, 91 - 134 (113, FN 51); (mit leichten scan-Fehlern) im Internet unter der Adresse: https://www.gewaltenteilung.de/gutachten-prof-dr-ridder/]

25 Siehe meinen Text: Der Rechtsstaat in Deutschland und Spanien. Überlegungen zum Forschungsstand, Freie Universität: Berlin, 2010; http://dx.doi.org/10.17169/refubium-23151 / https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/19502/StaR-P_w_2_Ueberlegungen_A-1.pdf?sequence=1&isAllowed=y, S. 51 mit weiteren Nachweisen.